Getarnter Mord

Zwei Tötungsdelikte in derselben Nordwestschweizer Gegend. Vier Tote. Erst Jahre später bestätigt sich: Es waren keine Beziehungsdelikte, sondern Abrechnungen der italienischen Mafia.

1992 - fast eine ganze italienische Familie wird ausgelöscht an diesem Tag. Vater, Mutter und Tochter – alle drei erschossen. Nur der Sohn überlebt. Er ist schwer traumatisiert. Täter Alan*, auch Italiener, flieht, versteckt sich; versucht sich umzubringen. Er überlebt schwer verletzt. Bei der Befragung gibt er an, er sei in die Tochter verliebt gewesen. Sie aber, habe ihn abgewiesen. Deshalb sei er zur Tat geschritten.

Ein Beziehungsdelikt also.

Tatsächlich?

Einige Details passen nicht zu einer Affekttat. Die Ermittler werden stutzig, sie hegen Zweifel am genannten Motiv. Trotzdem ist ein Zusammenhang mit der Mafia nicht herzustellen.

Wenige Monate später. Ganz in der Nähe ereignet sich erneut ein Tötungsdelikt. Carlo*, auch Italiener, schiesst nach einem heftigen Wortgefecht auf drei Brüder. Zwei überleben verletzt, einer wird durch mehrere Kopfschüsse getötet. Ein paar Tage später stellt sich Carlo der Polizei. Auch hier wird die Tat als Beziehungsdelikt dargestellt.

Erneut wecken die Tatumstände erhebliche Zweifel an der Version «Beziehungsdelikt». Was die beiden Tötungsdelikte verbindet: die Waffe, mit der geschossen wurde. Carlo hatte diese offenbar vor seiner eigenen Tat Alan ausgeliehen und diesem Schiessunterricht erteilt.

Carlo wird wegen Mord und Gehilfenschaft verurteilt und kommt ins Gefängnis.

Fall abgeschlossen.

Jahre später. Ohne auf den Fall angesprochen zu werden, macht ein Italiener gegenüber der Polizei Aussagen, die aufhorchen lassen. Sie betreffen die beiden weit zurückliegenden Tötungsdelikte aus dem Jahr in der Nordwestschweiz und legen nahe: Jeder Mord war eine Abrechnung, kein Beziehungsdelikt.

Die Täter, so weiss man heute dank dieser Quelle, bewegten sich in einem hochmafiösen Umfeld. Dennoch gaben sich die Strafverfolgungsbehörden mit dem auf dem Tablett servierten Tatmotiv «Beziehungsdelikt» zufrieden. Weitere Ermittlungen? Wurden eingestellt.

Tatmotiv gefunden, Täter verurteilt, Fall geschlossen.

Auch heute gestaltet sich die Suche nach den wahren Motiven eines Tötungsdeliktes oft schwierig. Doch aktuell sehen und wissen wir viel mehr über die italienische Mafia in der Schweiz – Kriminalanalyse sei Dank. Zufall, dass eine Quelle erst Jahre später frühere Zweifel bestätigt? Nein, gute Polizeiarbeit. Sie schafft die Ausgangslage, damit solche «Zufälle» überhaupt möglich sind.

*Namen geändert

Besser hinschauen!

Italienische Mafien schrecken auch in der Schweiz nicht vor Mord zurück. Da sie gerne diskret agieren und unerkannt bleiben möchten, tarnen sie Tötungsdelikte nicht selten als Beziehungsdelikt, als Unfall oder Suizid.

Ereignet sich in einem Kanton ein Delikt, ist es für die lokalen Strafverfolgungsbehörden oft schwierig, allfällige Verbindungen zur Mafia zu erkennen. Das Gesamtbild fehlt ihnen. Deshalb ist der interkantonale und internationale Informationsaustausch entscheidend. Im Zentrum: fedpol.

Mehr sehen, mehr wissen – das ist dank der Kriminalanalyse heute möglich. Wir haben immer genauere Informationen über die Strukturen der verschiedenen Mafien und über ihre Vorgehensweise in der Schweiz. Immer mehr Daten landen im Internet. Die Digitalisierung hilft, das Lagebild zu verdichten – und bringt viele «Geheimnisse» der Mafia ans Licht.

Das Ziel von Ermittlungen bei einem Verbrechen? Die Suche nach der Wahrheit. Eine Strafverfolgung, die bei Delikten in einem mafiösen Umfeld aktiv nach den wahren Motiven sucht, verhindert, dass Mafiosi mit Lügen und Verschleierung ihr eigenes Narrativ pflegen. Wir sind verpflichtet, der italienischen Mafia das Handwerk zu legen. Ihnen das Leben in der Schweiz schwerzumachen. Für die Sicherheit der Schweiz. Auch für die grosse italienische Diaspora, die seit Jahren in unserem Land lebt, bestens integriert ist und sich rechtschaffen verhält.